Künstler & Kunsterzieher Christian Vögtle im INKA-Interview

Bildung & Wissen // Artikel vom 02.04.2025

Christian Vögtle

Wenn die siebte Klasse absolviert ist, stehen die Schüler am Karlsruher Max-Planck-Gymnasium vor der großen Profilentscheidung.

Neben dem naturwissenschaftlichen oder sprachlichen Profil sowie einem Schwerpunkt auf „Informatik – Mathematik – Physik“ steht in Rüppurr auch die Bildende Kunst als Profilfach zur Wahl. Was die Schüler dort erwartet, hat der seit 2018 am MPG unterrichtende freie Künstler und Kunsterzieher Christian Vögtle (geb. 1990 in Pforzheim, www.christianvoegtle.com) INKA-Redaktionsleiter Patrick Wurster erläutert.

INKA: Sie haben Malerei und Grafik an der Kunstakademie Karlsruhe in der Klasse von Prof. Erwin Gross, Matthias Bitzer, Prof. Julia Müller und Prof. Axel Heil sowie an der Universitat de Barcelona studiert, außerdem noch Germanistik am KIT – wie kamen Sie zum Lehramt?
Christian Vögtle: Wie bei vielen Lehrkräften liegen meine Anfänge in der Jugendarbeit, die ich mehr als zehn Jahre ehrenamtlich ausgeübt habe und die mich sehr stark geprägt und bereichert hat. Insofern stand für mich schnell fest, dass ich neben der künstlerischen Praxis auch mit jungen Menschen arbeiten und diese auf ihrem Weg begleiten möchte. Daher entschied ich mich für das beide Seiten vereinende Lehramtsstudium Germanistik am Karlsruher Institut für Technologie sowie Bildende Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe.

INKA: Welche Neigungen, Begabungen und sonstigen Voraussetzungen sollte man für einen Leistungskurs Kunst am MPG mitbringen, wie darf man sich die gelehrten Inhalte und den Unterricht konkret vorstellen und welche Benefits haben BK-Profilschüler am Ende der zehnten Klasse?
Vögtle: Grundsätzlich sollte man offen sein für Neues. Das beinhaltet neben der eigenen künstlerischen Entfaltung auch die Auseinandersetzung mit kunstwissenschaftlichen und kunsthistorischen Themen. In den schriftlichen Klausuren werden analytische und interpretatorische Fähigkeiten sowie ein adäquater und sicherer sprachlicher Ausdruck vorausgesetzt. Ebenso sollte man bestimmte künstlerische Fertigkeiten mitbringen und sich gerne künstlerisch ausdrücken – auch außerhalb der Schule. Kreativität, Neugierde und Begeisterungsfähigkeit, Resilienz und Disziplin sind ebenfalls gute Grundvoraussetzungen. Wenn man unsicher ist, ob man für den BK-Leistungskurs geeignet ist, sollte man sich im Vorfeld mit einer BK-Lehrkraft austauschen. Im Fach Bildende Kunst gibt es drei Schwerpunktthemen, die regelmäßig wechseln und verschiedene Bereiche wie Bildhauerei/Plastik, Malerei/Grafik/Fotografie oder Architektur abdecken. Hinzu kommen vorgegebene Epochen und Kunstschaffende, die diesen zugeordnet sind. Die BK-Lehrkraft wählt vorab zwei der drei Themen aus, die dann in den vier Kurshalbjahren fachpraktisch und theoretisch behandelt werden und Bestandteil des Abiturs sind. In der Fachpraxis werden bspw. verschiedene Mal-, Zeichen-, Modellbau- oder Plastiziertechniken eingeübt und in kleineren und größeren Aufgaben vertieft; die Theorieklausuren bestehen zumeist aus einer schriftlichen Werkbetrachtung oder einem Werkvergleich, bei denen die drei Anforderungsbereiche Wiedergabe, Analyse und Transfer/Kontextualisierung abgeprüft werden. Im Vorfeld des Abiturtermins bereiten wir die Lernenden zudem in Form einer mehrstündigen Prüfungssimulation bestmöglich vor. Vorteile des BK-Profils am MPG sind eine vertiefte Beschäftigung mit praktischen und theoretischen Inhalten, eine hervorragende Ausstattung, die Teilnahme an Wettbewerben, das Belegen von künstlerischen Wahlpflicht-Vertiefungskursen in den Klassen neun und zehn, Kooperationen mit dem ZKM, der Kinemathek, der Städtischen Galerie oder dem Badischen Landesmuseum, Ausstellungsbeteiligungen, zahlreiche Exkursionen u.v.m. Als eines der ersten Gymnasien in Baden-Württemberg konnten wir zudem die in der Corona-Pandemie eingeführten iPads erfolgreich in Klausuren und im mündlichen Abitur einsetzen. Gerade bei Werkbetrachtungen ist es ein großer Vorteil, den Lernenden das Bildmaterial in hoher Auflösung zur Verfügung stellen zu können. Teilweise fragen wir hierfür eigens bei den entsprechenden Institutionen an.

INKA: Durch Ihr Monitoring holen Sie sich das Feedback der Schüler ein – wie sind ihre gegenseitigen Erfahrungen?
Vögtle: Jedes Fach profitiert von einer partizipativen Herangehensweise. Die Grundidee ist, den Unterricht an die Lernenden anzupassen, nicht umgekehrt. Feedback einzuholen, ist ein essenzieller Bestandteil meiner Arbeit. So frage ich zu Beginn des Schuljahres in jeder Klasse ab, wo die Lernenden gerade stehen, was sie beschäftigt und interessiert, welche Sozial- und Arbeitsformen sie gut bzw. weniger gut finden usw. Davon hängt ab, wie ich den Unterricht gestalte. Am Ende des Schuljahres dürfen mir die Lernenden immer ein freiwilliges und anonymes Feedback geben und meine Arbeit bewerten. So konnte ich bereits viele Punkte verändern, die ich ohne die Rückmeldungen nicht erfahren hätte. Die Lernenden profitieren von einem Unterricht auf Augenhöhe, werden ernst genommen und tragen aktiv zur Unterrichtsatmosphäre und zum Lernerfolg bei.

INKA: Sie sind seit 2020 Dozent für Malerei und Grafik im Rahmen der Kulturakademie der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg und seit ’24 außerdem Referent für Bildende Kunst am Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) an der Außenstelle Schloss Rotenfels bei Gaggenau, haben ein Atelier auf dem Gelände des Kulturzentrums Kulturdose, befassen sich neben der Malerei auch mit Zeichnung und Fotografie, haben mehrfach ausgestellt u.a. 2022 bei der „Zart“. Was ist Ihr favorisiertes Genre und wie bleibt angesichts Ihres Stundenplans überhaupt noch Zeit, selbst künstlerisch tätig zu werden?
Vögtle: Ich empfinde es als äußerst gewinnbringend, neben dem Beruf weiterhin künstlerisch zu arbeiten bzw. mich mit künstlerischen Fragestellungen auseinanderzusetzen. So kann ich das Fach Bildende Kunst den Lernenden einerseits authentisch vermitteln und mich andererseits persönlich und fachlich weiterentwickeln. Wenn es die Zeit zulässt, versuche ich etwa zweimal pro Woche im Atelier zu arbeiten. Natürlich hängt das vom jeweiligen Workload an der Schule und am ZSL sowie einer guten Organisation ab. Basis meiner Arbeiten sind globale, suburbane Grundstrukturen und Fragmente zivilisatorischer Agglomeration, die ich auf Reisen oder im Alltag sammle und in Malereien, Fotografien, Grafiken und Zeichnungen aufgreife, kombiniere oder verfremde. Diese werden an der Wand oder im Raum zu komplexen Installationen arrangiert, die neue Denk- und Anschauungsprozesse anstoßen und eine „Essenz des Unmittelbaren“ schaffen. Die so abgebildeten Realitäten lösen sich von ihrer Materialität und erscheinen abstrakt, zeit- und ortlos und dadurch innovativ und visionär.

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