Winfried Schäfer über „Wildpark, Scheichs & Voodoozauber“

Bildung & Wissen // Artikel vom 27.04.2025

Winfried Schäfer

Winnie Schäfer im INKA-Interview.

Wie er als junger Fußballlehrer „auf einem der größten Schleudersitze des deutschen Fußballs“ Platz nahm und mit dem Karlsruher SC um Euro-Eddy gipfelnd beim bis heute bemühten „Wunder“ eine Ära prägte und was er danach auf seinen zahlreichen Auslandsstationen als National- (Kamerun, Thailand, Jamaika) und Clubtrainer (Arabische Emirate, Aserbaidschan, Thailand, Iran, Katar) neben Afrika- und Karibikmeisterschaft an unglaublichen Begebenheiten erlebt hat, schildert der in Ettlingen lebende Winnie Schäfer auf 256 Seiten in „Wildpark, Scheichs und Voodoozauber“ (Edel Sports, VÖ: 2.4., 22 Euro).

Es ist die Reise eines Fußballglobetrotters, die in einer fensterlosen Militärmaschine über dem Dschungel beginnt, ihn zwischen die Fronten bringt und letztlich zur Flucht aus Lebensangst treibt. Neuerdings ist er in Ghana als Technischer Direktor für die „Black Stars“ zuständig, wo er Otto Addo zuarbeitet. Schäfer liest aus seinen Erinnerungen an ein Trainerleben von Karlsruhe bis Katar. Moderation: KSC-Stadionsprecher Martin Wacker. -pat/rw

INKA (Patrick Wurster): Unser Herausgeber Roger Waltz kickte einst mit Michael Harforth in der KSC D1. Welche Erinnerungen haben Sie neben der kurzen Bucherwähnung noch so an das „schlampige Genie“?
Winfried Schäfer: „Schlampiges Genie“ ist ein bisschen hart. Michael war ein herausragendes Genie. Aber ein Opfer seines Umfelds. Egal, ob Fußball oder Musik oder jeder andere Bereich – Begabung und Talent brauchen immer das richtige Umfeld, um sich zu entwickeln. Heute blickt man da dankenswerterweise anders drauf. In dem Moment, in dem man ihm Verantwortung gegeben hat – die Kapitänsbinde – hat er den Schalter umgelegt und 100 Prozent gegeben. Wenn er fünf Jahre vorher die richtigen Leute um sich gehabt hätte, wäre das Ergebnis wahrscheinlich noch besser gewesen. Aber vom Fußball abgesehen ist er vor allem ein anständiger, warmherziger Mensch. Umsichtig, mit guter Menschenkenntnis. Ich glaube, er hätte auch das Zeug zum Coach gehabt.

INKA: Ihre impulsive Art an der Seitenlinie, lange Haare, Lederjacke – „wir waren Rock’n’Roll fürs Fernsehen“, schreiben Sie über Ihre Hochzeit beim KSC, als Sat.1 u.a. mit Jörg Dahlmann eine neue Art der Fußballberichterstattung etabliert hat. Wie blicken Sie aufs Fußballgeschäft von heute, in dem Typen mit Ecken und Kanten auf wie neben dem Platz ja gar nicht mehr gewollt sind?
Schäfer: Durch die neuen Wege der Vermarktung, in den sozialen Medien, ist der Wunsch, Typen zu haben, eigentlich noch größer. Aber man wird schon früh an die Hand genommen und in jeder Hinsicht mehr oder weniger gecoacht. Da fehlt häufig Authentizität und man entwickelt eine glatte, möglichst unkomplizierte Außendarstellung. Bestimmt hängt das auch mit der Furcht zusammen, direkt negatives Feedback zu bekommen. In Deutschland sticht Steffen Baumgart durch seinen Stil etwas heraus, aber die Berichterstattung hat sich sehr geändert, die Medien sind so schnelllebig – da geht man als Typ einfach unter. Damals war es neu.

INKA: Nur weil Ihnen das Thema ganz offenbar „noch immer nah“ geht – wurmen der Rausschmiss beim KSC und sein Niedergang tatsächlich auch 27 Jahre danach? Wie nehmen Sie „Ihren“ Verein heute wahr?
Schäfer: Es fühlt sich an, als ob es da dieses Kapitel gibt, das nie abgeschlossen wurde. Die Situation ist ja auch einzigartig. Ich will mich nicht beweihräuchern, aber es ist nun mal Fakt: Es gibt kein anderes Beispiel, wo ein Trainer einen Verein so lange erfolgreich geführt hat und der Verein danach nie wieder auch nur annähernd an diesen Erfolg herangekommen ist. Jetzt bin ich älter, noch viel erfahrener und habe Ähnliches in so vielen Ländern erreichen können… Natürlich mache ich mir hin und wieder Gedanken über den KSC und überlege, wie man diesen Erfolg von damals heute wieder erreichen könnte. Und ich glaube: Das Potenzial ist da! Man könnte sehr, sehr viel machen. Wenn man die richtigen Leute zusammenbringt. Herausfordernd, aber nicht unmöglich. Ich bin mir sicher, da ist in Karlsruhe und dem Umfeld ein ganz großes Potenzial, Menschen, die Herausragendes leisten könnten und die Lust hätten, mitzumachen. Wenn man sich dann noch international orientieren würde – könnte man wieder einen KSC kreieren, der ganz viel Aufmerksamkeit bekommt, weil man wieder außergewöhnlich und modern ist.

INKA: Der Stürmerscouting-Geheimtipp unseres Herausgebers ist Julien Domingues vom AS Cannes – welche Spieler Ihrer jüngsten Stationen würden Sie dem KSC ans Herz legen?
Schäfer: Da möchte ich eigentlich niemanden besonders herausheben. Hier in Ghana gibt es natürlich Spieler, die ganz entscheidend zum Erfolg des KSC beitragen könnten, die würden aber unter den aktuellen Umständen nicht zum KSC wechseln. Das Scouting ist heute so professionell und die Talente werden schon so früh von Topclubs weltweit gesichtet und verteilt. Ich habe da einige Ideen, aber die Umsetzung wäre nicht leicht. Der KSC müsste sich anders präsentieren. Und man müsste den Mut haben, auch in Märkte zu schauen, die etwas unkonventionell sind. Risiken eingehen und international kommunizieren. Es gibt ganz, ganz viele Möglichkeiten, das Ruder herumzureißen, aber dafür braucht man das richtige Personal und muss sich ganz anders positionieren.

INKA: Ungeachtet dessen, dass unser Herausgeber mit den „INKA Afro Tunes“ eine Number-One-Mixcloud-Sendung auf dem Freien Radio Querfunk am Laufen hat – in Jamaika liefen vermutlich Reggae und Dancehall, aber wie sieht es in Arabien oder Ghana aus mit dem Kabinensound? Wie ist der Klang der Länder? Und was läuft im Stadion?
Schäfer: Das wusste ich gar nicht, da muss ich mal reinhören, wenn ich wieder in Deutschland bin. Die Jungs hören viel regionale Musik. Auf unseren stundenlangen Busfahrten durch den Iran haben wir iranischen Hip-Hop gehört. Das war erst mal überraschend, aber das ist ein guter Sound! Da wir ständig gewonnen haben, weiß ich, dass sich das gut mitsingen lässt. Und man kann gut darauf tanzen. D.h., die Spieler können das, ich nicht. In Thailand war es eher südkoreanischer Pop und Thaimusik, aber auch viel Amerikanisches, in den arabischen Ländern auch eher Arabisches. Ich glaube, es gibt da viel aus Marokko, was den Spielern gut gefällt. In Ghana kommen wir im März zum ersten Mal mit der Mannschaft zusammen – ich bin gespannt!

INKA: Seit Januar sind Sie Technischer Direktor und Berater des ghanaischen Fußballverbands – wie sieht die Arbeit für die „Black Stars“ und Otto Addo konkret aus?
Schäfer: Ghana sowie Nigeria und viele andere afrikanische Länder erleben gerade eine Krise im Fußball. Die Spieler sind in ihren Clubs gut, im Nationalteam klappt es nicht – daran müssen wir nun arbeiten. Das größte Problem ist aber der Nachwuchs. Wie schon gesagt: Talente brauchen immer das richtige Umfeld, um sich zu entwickeln und das möchte ich nun für Ghana aufbauen.

INKA: Das Tollhaus wird bei Ihrer Lesung sicher aus allen Nähten platzen. Stadionsingen gibt’s ja schon – noch nie an eine Stadionlesung von „Wildpark, Scheichs und Voodoozauber“ gedacht?
Schäfer: Daran habe ich noch nicht gedacht, aber ich freue mich über Ihren Optimismus! Wenn das Tollhaus wirklich aus allen Nähten platzen sollte, organisiert das doch und wir sprechen mal mit dem Verlag.

So, 27.4., 18 Uhr, Tollhaus, Karlsruhe (Stephanus-Koop)

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