Schmetterling und Taucherglocke
Kino & Film // Artikel vom 27.03.2008
Lieber Kinogeher, vielleicht hast du schon einmal von einem Phänomen namens "Locked-In-Syndrom" gehört.
Laut dem allwissenden Internetlexikon bezeichnet das "einen Zustand, in dem ein Mensch bei erhaltenem Bewusstsein fast vollständig unfähig ist, sich sprachlich oder durch Bewegungen verständlich zu machen." Eine Vorstellung, von der man sich rasch abwendet und noch nicht einmal Angstgefühle entstehen, so schlimm stellt man sich das vor.
Lieber Kinogeher, und nun bist du neugierig und ängstlich sogleich und gehst in einen Film, der von einem Mann erzählt, welcher an diesem Syndrom leidet, ein bislang sehr erfolgreicher Mann, Chef eines führenden Modemagazins, schön, reich, berühmt, er erleidet einen Schlaganfall und ist fortan in sich eingesperrt, ein sabberndes Wesen mit blöd verzogenem Gesicht, und du fragst dich mit Bangen, ob du das sehen willst.
Doch da kommt der Regisseur wie ein freundlicher Onkel, Julian Schnabel nimmt dich an der Hand und sagt: Ich muss dir diese furchtbare Geschichte erzählen, aber ich werde sie so erzählen, dass du keine Angst haben musst. Du wirst einen der aufrichtigsten, schmerzendsten, berührendsten Filme der letzten Jahre, ja Jahrzehnte sehen, ein großartiges Ereignis, ein Werk, das dich packen wird und das dir durch das furchtbare Schicksal, das du zu sehen bekommst, Mut machen wird. Was für ein Film.
Der schöne Mann, den wir eine ganze Zeit lang nicht zu sehen bekommen, auch in seinem jetzigen Zustand nicht, erwacht, stellt fest, dass er in einem Krankenhaus ist, die Ärzte sagen ihm, er sei aus einem langen Koma erwacht, und er fragt: Was ist geschehen? Wo bin ich? Was ist mit mir? Und die, die er sieht, sie scheinen ihn nicht zu verstehen. Und dann kommt einer und näht ihm sein Auge zu, erzählt, wie schön das Skifahren in St. Moritz sei und dass die Naht dafür sorge, dass das nicht mehr richtig funktionsfähige Auge nicht anschwellen werde.
Die menschliche Vorstellung bei einem solchen Vorgang scheint zu versagen. Der Mann, und das ist das Unglaubliche, das "Märchenhafte" (gegen eine solche Bezeichnung wird er sich später immer wehren, denn er empfindet sich ja als gesund denkend), wird mit seinem verbliebenen Auge einen Roman diktieren, der so heißt wie dieser Film, einen Roman von hoher Qualität, in dem er sein Schicksal beschreibt, und das alles ist wahr und so geschehen.
Julian Schnabel inszeniert das in einer Dezenz, die ihresgleichen sucht, erläutert von längeren Rückblenden, etwa einem Besuch beim Vater, den der Sohn rasiert, eine Sequenz von unglaublicher Intimität, oder einer Vergnügungsreise nach Lourdes. Der Regisseur macht alles richtig, Erzählrhythmus, Bildsprache, Dialoge und Musikauswahl sind perfekt. Es erstaunen wieder einmal die Begleitumstände: "nur" eine Palme in Cannes, kein Hauptpreis. Und obwohl die Credits zu "Schmetterling und Taucherglocke" fast ausschließlich französische Namen aufweisen, gilt der Film offenbar als US-Produktion und ging beim (künstlich hochgejubelten) Europäischen Filmpreis leer aus. -A.O.F.
www.schauburg.de
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