Wagner, Wesendonck & Heavy Metal

Popkultur // Artikel vom 04.04.2025

Gerda

Mezzosopranistin Gerda im INKA-Interview.

INKA (Patrick Wurster): Während der „Händel-Festspiele“ noch in der Titelrolle der Kinderoper „Rinaldino“ am Staatstheater, präsentierst du am Fr, 4.4. in der Tempel-Reihe „Organisch – Elektronisch“ dein neues Synth-Ambient-Set „Wesendonck. Synthetisch“ und am Di, 8.4. bei „Best Of HfM“ den Auszug „Träume. Synthetisch“. Wie kommt man darauf, aus einem Wagner-Liederzyklus’ mit Texten seiner Muse Mathilde Wesendonck ein elektronisches Arrangement zu kreieren?
Gerda: Ich befasse mich im Rahmen meines Operngesangsstudiumsstudiums seit geraumer Zeit mit dem Zyklus und bin endlos fasziniert von der musikalischen, aber auch lyrischen Tiefe, die so geballt in doch recht kurzer Zeit zum Ausdruck gebracht wird. Wagner und Wesendonck bringen hier die Essenz des Lebens gnadenlos auf den Punkt. Es haben sich nach und nach Textschnipsel und musikalische Ableitungen in meinen kreativen Schaffensprozess eingeschlichen, sodass ich entschieden habe, mich dem vollends zu widmen. Am 8.4. darf ich um 20.55 Uhr daraus das letzte Stück „Träume“ live beim DLF zeigen. Mit diesem Lied fing alles an – ich habe es bereits in unterschiedlichen Versionen gespielt, u.a. beim Tollhaus-„Wohnzimmerkonzert“ vergangenen Sommer. Es erscheint am 9.5. als Single auf allen gängigen Streamingplattformen; am 31.8. folgt die EP. Aktuell arbeite ich so, dass ich ein Synth-Ambient-Midi-Setup aufbaue, das mir die Möglichkeit gibt, konzeptbasiert quasi frei zu gestalten. So kann ein Song gut und gerne mal 15 bis 20 Minuten dauern. Für das Konzert im Rihm-Forum werde ich das Ganze natürlich kompakter halten.

INKA: Crossovern liegt dir – du hattest vor dem Abi Klavier-, Gesangs-, Ballett- und Schauspielunterricht, schreibst seit dem Kindesalter Songs primär auf Englisch und Japanisch. Neben deinen HfM-Studium unter Prof. Christian Elsner besuchst du Meisterkurse für Jazzgesang, produzierst deinen eigenen Ambient-Sound, hast ein Albumrelease mit Noà Nova als Liedschreiberin und Sängerin in der Diskografie stehen. Dazu Leadgesang in der Big Band der Musikschule deiner Heimat Brühl in NRW, KIT- und HfM-Big-Band – wie kam es, dass du auf so vielen künstlerischen Feldern aktiv bist?
Gerda: Die Neugierde. Ich habe das aber auch meinen Eltern zu verdanken, die mich dahingehend immer unterstützt haben. Lange habe ich es als Nachteil empfunden, mich nicht entscheiden zu können und bin froh zu erkennen, dass es gar nichts Schlechtes sein muss, vielschichtig interessiert zu sein. Im Gegenteil – es ist eine Bereicherung!

INKA: Nach dem Abi 2017 hast du auch noch eine Ausbildung zur staatlich geprüften Chor- und Ensembleleiterin abgeschlossen, leitest den Liederkranz Weingarten und den Versperkirchenchor am Werderplatz. Ist dieses vglw. bodenständige Engagement ein willkommener Ausgleich zu deiner hochkulturellen und experimentellen Arbeit?
Gerda: Definitiv! Mir macht die Arbeit unglaublich viel Spaß, sie ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens in Karlsruhe. Der Kontakt zu den Menschen, meine Freude am Singen zu teilen und Momente der Gemeinschaft zu schaffen, sind ein wunderbarer Ausgleich zum Künstlerleben. Sie erinnern mich daran, wieso ich tue, was ich tue.

INKA: Marie Gerhardine Iguchi – dein bürgerlicher klingt wie ein Künstlername...
Gerda: Meine Mutter stammt aus Yao (Osaka) und wählte meinen japanischen Namen Marie – sprich Ma-ri-eh – mit den Bedeutungen Wahrheit, Gerechtigkeit und Sprössling. Gerhardine war der Name meiner Urgroßmutter väterlicherseits. Es ist in der Heckner-Familie so Tradition, dass Vornamen des Stammbaums weitergegeben werden. Daher kommt mein Spitzname Gerda, den ich mittlerweile auch als Künstlernamen verwende.

INKA: Als Abschlussarbeit deines Bachelors-Studiums am HfM-Institut für Musiktheater bist du nach deinem Mitwirken u.a. bei den Durlacher Los Catacombos wieder in Sachen Progressive Metal unterwegs, kombinierst in der von dir konzipierten Produktion „Dido?!“ Barock mit Igorrr, dem Metal-Breakcore-Barock-Projekt von Gautier Serre. Auf diese neu erdachte Fassung von Purcells „Dido And Aeneas“ folgte das Projekt „Opus Brain“, ein Barock-Metal-Konzert mit Musik von Igorrr und dem neapolitanischen Komponisten Francesco Durante, das nach der Premiere 2024 beim HfM-„Risk-Festival“ dieses Jahr ein weiteres Mal im Tempel zu erleben ist. Worauf muss sich dein Publikum einstellen?
Gerda: Igorrr ist meine Lieblingsband und trägt ein ganz eigenes Kapitel in meiner Laufbahn als Sängerin. Bis dato hatte ich wenig bis gar keinen Zugang zum Heavy Metal – das kam wie ein Blitz in mein Leben und erweiterte brachial mein Verständnis von Musik und was sie bedeuten kann. So war es mir ein wichtiges Anliegen, sie in meinen Bachelor-Abschluss einzubinden und diese komplexe, produzierte Musik im Liveraum mit Barockorchester und Chor zu realisieren. Einen Klangraum zu schaffen, in dem die Grenzen der Genres verschwimmen und wir mit dem Feuer des Lebens tanzen können, ohne den Zugang zur barocken Ordnung zu verlieren. Weil es wichtig ist, Schmerzen, Aggression und tiefe Trauer in einem sicheren Raum auszuhalten und auszuleben. „Opus Brain“ ist ein Konzert, das beim Publikum einen unangenehmen Nerv treffen möchte mit dem Ziel, Schmerzen und Scham aushaltbarer zu machen. Zumindest bedeutet es das für mich.

INKA: Bachelor voraussichtlich im Herbst – und dann?
Gerda: Das weiß ich gerade selbst noch nicht genau, aber Ideen habe ich allerhand! „Opus Brain“ und „Wesendonck. Synthetisch“ werden ihre Folgeprojekte bekommen, da bin ich längst noch nicht fertig. Gerade habe ich erfahren, dass ich Preisträgerin des Gesangswettbewerbs der „Schlossfestspiele Rheinsberg“ bin und im August an der Meisterklasse bei Vivica Genaux teilnehmen darf! Das ist bereits die zweite positive Audition und ich habe erst dieses Jahr damit begonnen, nachdem mich der Meisterkurs bei Kammersängerin Brigitte Fassbänder im Dezember augenöffnend inspiriert hat. Ich bewerbe mich erst mal für den Master – und mit etwas Glück darf ich in Karlsruhe bleiben, denn hier gefällt es mir wirklich sehr gut!

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